Es
ist genau 22 Uhr, als wir uns treffen. Ich bin stolz darauf, wie
schnell er sich an die deutsche Pünktlichkeit gewöhnt hat. Wir
laufen durch die menschenleere Innenstadt,
vorbei an den Nachtbeleuchtungen der Schaufenster und hinauf auf den
höchsten Berg der Stadt. Obwohl ich hier aufgewachsen bin, verliert
sich mein Orientierungssinn, doch Ibrahim führt uns tapfer durch
die engen Gassen, während wir aufgeregt die Ereignisse der letzten
Wochen aufholen. Als wir allmählich die letzten Häuser der Stadt
hinter uns lassen und auf einem vereisten Feld knietief im Schnee
stecken, deutet er nach oben und sagt „Da. Da müssen wir hin“.
Sein Ziel ist eine alte Burg, die majestätisch auf der höchsten
Erhebung der ganzen Umgebung thront. Ich rutsche mehrmals auf den
vereisten Feldwegen aus, trotz des tiefen Profils meiner Stiefel, die
mein Freund mir zu Weihnachten geschenkt hat. Als könnte er in
meinen Kopf blicken, greift Ibrahim diesen Gedanken von mir auf.
„Geht Alexander eigentlich auch oft mit dir spazieren?“ fragt er.
Er wusste, wie sehr ich es genoss, an kalten Wintertagen,
kilometerlange Wanderungen zu machen. Obwohl die tiefdunkle Nacht
jeden Blick versperrt, bleibe ich kurz stehen, um die Aussicht zu
genießen und zu verschnaufen. „Leider nicht“ antwortete ich und
vermute ein Lächeln in seinem Gesicht. Ibrahim würde nie etwas
gegen meinen Freund sagen, obwohl er damals schon leicht gekränkt
war, als ich Alexander kennen gelernt habe. Und fast auf den Tag
genau sind es heute zwei Jahre, als ich Ibrahim das erste Mal auf
unserem Schulflur getroffen habe. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum
ein deutsches Wort über seine Lippen brachte, traute er sich
trotzdem, mit mir zu reden, was ich ihm hoch anrechnete und mit
sofortigem Vertrauen dankte. Als wir nach mehreren Stunden Laufens
die untersten Treppe der Burg erreicht haben, versperrt uns ein
riesiges Verbotsschild den Weg. „Sollen wir umkehren?“ Ibrahim
ist unsicher. „Ach Quatsch, jetzt sind wir schon so weit gekommen“
überrede ich ihn und schreite ihm voraus die rutschigen Stufen
hinauf. Oben angekommen erhalten wir die Entschädigung für die
vielen Kilometer durch die Eiseskälte. Ein atemberaubender Blick auf
die Stadt liegt uns zu Füßen. Ich versuche, mich zu orientieren und
Ibrahim deutet mit seinen Fingern in der Luft auf alle Orte, an denen
er wichtige Stationen seines Lebens verbracht hat. Das Heim, in dem
er zuerst aufgenommen wurde, seine erste Wohnung mit einem Freund,
aus der er von den Nachbarn herausgeekelt wurde weil er neu in
Deutschland war, seine zweite Wohnung, die Schule, in der wir uns
kennen gelernt haben und schließlich seine Ausbildungsstelle.
Berauscht von dem Anblick zückt er sein Handy, wir machen ein Foto
und er zeigt mir YouTube Videos seiner Heimatstadt und von Damaskus. Die
Nacht ist klar und die glitzernden Sterne über uns erinnern ihn an
seine Heimat. Er erzählt mir, wie er als Kind oft auf dem Dach
geschlafen hatte, um die Sterne zu beobachten. Seine Mutter hat ihm
immer Geschichten von Sternen erzählt und dass viele kleine einzelne
Sterne eine Familie ergeben, in der der Vater verstorben sei. Ich
frage ihn, warum seine Mutter ihm erzählt hat, dass die
Sternenfamilie keinen Vater hat. „Der Vater ist nicht so wichtig,
sagt sie. Die Mutter ist wichtiger.“ Ich lache. Eine bemerkenswerte
Frau. „Aber weißt du, was das Beste am Himmel ist?“ frage ich in
die dunkle Nacht hinein. „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel.
Egal wo du bist. In Deutschland oder in Syrien oder irgendwo anders
auf der Welt. Auch wenn du von deiner Familie getrennt bist, seht ihr
alle die gleichen Sterne, wenn ihr in den Himmel schaut.“ Er nickt. „Du hast so recht“ sagt er. „Meine Mutter sieht die gleichen
Sterne wie ich. Aber heute nicht. Heute regnet es in Syrien“. Wir
treten wieder den Heimweg an.
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