Montag, 26. Februar 2018

Heute regnet es in Syrien

Es ist genau 22 Uhr, als wir uns treffen. Ich bin stolz darauf, wie schnell er sich an die deutsche Pünktlichkeit gewöhnt hat. Wir laufen durch die menschenleere Innenstadt, vorbei an den Nachtbeleuchtungen der Schaufenster und hinauf auf den höchsten Berg der Stadt. Obwohl ich hier aufgewachsen bin, verliert sich mein Orientierungssinn, doch Ibrahim führt uns tapfer durch die engen Gassen, während wir aufgeregt die Ereignisse der letzten Wochen aufholen. Als wir allmählich die letzten Häuser der Stadt hinter uns lassen und auf einem vereisten Feld knietief im Schnee stecken, deutet er nach oben und sagt „Da. Da müssen wir hin“. Sein Ziel ist eine alte Burg, die majestätisch auf der höchsten Erhebung der ganzen Umgebung thront. Ich rutsche mehrmals auf den vereisten Feldwegen aus, trotz des tiefen Profils meiner Stiefel, die mein Freund mir zu Weihnachten geschenkt hat. Als könnte er in meinen Kopf blicken, greift Ibrahim diesen Gedanken von mir auf. „Geht Alexander eigentlich auch oft mit dir spazieren?“ fragt er. Er wusste, wie sehr ich es genoss, an kalten Wintertagen, kilometerlange Wanderungen zu machen. Obwohl die tiefdunkle Nacht jeden Blick versperrt, bleibe ich kurz stehen, um die Aussicht zu genießen und zu verschnaufen. „Leider nicht“ antwortete ich und vermute ein Lächeln in seinem Gesicht. Ibrahim würde nie etwas gegen meinen Freund sagen, obwohl er damals schon leicht gekränkt war, als ich Alexander kennen gelernt habe. Und fast auf den Tag genau sind es heute zwei Jahre, als ich Ibrahim das erste Mal auf unserem Schulflur getroffen habe. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum ein deutsches Wort über seine Lippen brachte, traute er sich trotzdem, mit mir zu reden, was ich ihm hoch anrechnete und mit sofortigem Vertrauen dankte. Als wir nach mehreren Stunden Laufens die untersten Treppe der Burg erreicht haben, versperrt uns ein riesiges Verbotsschild den Weg. „Sollen wir umkehren?“ Ibrahim ist unsicher. „Ach Quatsch, jetzt sind wir schon so weit gekommen“ überrede ich ihn und schreite ihm voraus die rutschigen Stufen hinauf. Oben angekommen erhalten wir die Entschädigung für die vielen Kilometer durch die Eiseskälte. Ein atemberaubender Blick auf die Stadt liegt uns zu Füßen. Ich versuche, mich zu orientieren und Ibrahim deutet mit seinen Fingern in der Luft auf alle Orte, an denen er wichtige Stationen seines Lebens verbracht hat. Das Heim, in dem er zuerst aufgenommen wurde, seine erste Wohnung mit einem Freund, aus der er von den Nachbarn herausgeekelt wurde weil er neu in Deutschland war, seine zweite Wohnung, die Schule, in der wir uns kennen gelernt haben und schließlich seine Ausbildungsstelle. Berauscht von dem Anblick zückt er sein Handy, wir machen ein Foto und er zeigt mir YouTube Videos seiner Heimatstadt und von Damaskus. Die Nacht ist klar und die glitzernden Sterne über uns erinnern ihn an seine Heimat. Er erzählt mir, wie er als Kind oft auf dem Dach geschlafen hatte, um die Sterne zu beobachten. Seine Mutter hat ihm immer Geschichten von Sternen erzählt und dass viele kleine einzelne Sterne eine Familie ergeben, in der der Vater verstorben sei. Ich frage ihn, warum seine Mutter ihm erzählt hat, dass die Sternenfamilie keinen Vater hat. „Der Vater ist nicht so wichtig, sagt sie. Die Mutter ist wichtiger.“ Ich lache. Eine bemerkenswerte Frau. „Aber weißt du, was das Beste am Himmel ist?“ frage ich in die dunkle Nacht hinein. „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel. Egal wo du bist. In Deutschland oder in Syrien oder irgendwo anders auf der Welt. Auch wenn du von deiner Familie getrennt bist, seht ihr alle die gleichen Sterne, wenn ihr in den Himmel schaut.“ Er nickt. „Du hast so recht“ sagt er. „Meine Mutter sieht die gleichen Sterne wie ich. Aber heute nicht. Heute regnet es in Syrien“. Wir treten wieder den Heimweg an. 


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