Donnerstag, 21. November 2013

JVA

Langsam zwänge ich mich durch die engen Gassen der Altstadt. Ich friere, und gestehe mir ein, dass mittlerweile Temperaturen erreicht waren, die mir nicht mehr ermöglichen, in meiner Lederjacke nach draußen zu gehen. Ein Blick auf meine Armbanduhr verrät mir, dass ich ein wenig zu früh bin. 17:42 Uhr. Ich kaue auf meinen Fingernägeln herum und frage mich, warum ich mich gerade jetzt, Ende November, wo es um diese Uhrzeit schon so dunkel ist, dazu entschlossen habe, hier her zu kommen. Ein ca. 4 Meter großes, graues Tor öffnet sich, als ich mich vor ihm in das Licht einer Laterne stelle und gibt mir nicht länger Zeit, darüber nachzudenken, was ich eigentlich hier mache. Der Innenhof wirkt gespenstisch leer, im Nebengebäude höre ich Frauenstimmen, Gelächter. Als ich an der Tür des Eingangsbereiches angekommen bin, nickt mir von innen ein Beamter zu und drückt auf einen Knopf, um mir die Tür zu öffnen. Drinnen angekommen streckt man mir einen Besucherschlüssel entgegen. Spind Nummer 10. Ich muss mein Handy ausschalten und abgeben, die Tasche stopfe ich in das kleine Fach des Spindes. „Deine Jacke musst du aber ausziehen, mit all dem Metall an den Reißverschlüssen kommst du nicht durch die Sicherheitsschleuse.“ Sagt ein anderer Beamter zu mir. Ich behalte sie trotzdem an. Dann werde ich in den Besucherraum geführt. Jemand erklärt mir, dass Häftlinge, die mit Rauschgift zu tun hätten, ihren Besuch in einem Zimmer empfangen müssen, bei dem sie durch eine Glasscheibe getrennt werden. „Du solltest dir also zwei Mal überlegen, ob du so Zeug noch nimmst“ grinst er. Er empfängt einen irritierten Blick von mir. „Na Drogen, nimmst du doch, oder? Oder deine Freunde?“. Ich überlege lange, was ich ihm antworten soll, da es scheint, als hätte er diese Frage aus Spaß, doch trotzdem mit einer gewissen Ernsthaftigkeit gestellt, die mich verunsichert. Ich antworte schließlich mit einem bestimmten Nein. Der Besuchsraum hat niedrige, blaue Tische, mit jeweils 4 Stühlen. In einer Ecke liegen Kuscheltiere und Kinderspielsachen. In der Anderen stehen zwei Automaten. Im Einen befinden sich Snacks und eine Einzige Sorte Limonade, im anderen Kaffee und Heißgetränke. Als man mich durch das kalte Treppenhaus nach oben in den Zellentrakt begleitet, höre ich laute Schreie und Gelächter. Einige Häftlinge grölen Parolen, die ich nicht verstehe und schlagen gegen Türen und die Gitter ihrer Fenster. Im 3. Stock angekommen, werden unzählige Türen aufgeschlossen, bis wir endlich vor Haftraum 317 stehen. Der Beamte öffnet die Tür, von innen dringen Fernsehgeräusche hinaus. „Na, läuft was interessantes?“ frage ich und grinse.
„Nichts besonderes, wie immer“ antwortet er. Sein Kopf ist kahl geschoren, von irgendwo her höre ich das leise Brummen eines Rasierers. Die Friseurin, die einmal in der Woche vorbeikommt, ist also gerade im Haus. „Haben ja nur 18 Sender hier. Aber nächstes Jahr sollen es schon 250 werden. Oder schon Ende des Jahres. Mal schauen, ob es dann was besseres zu schauen gibt, hier“ murmelt er und steht von seinem Holzstuhl auf. Ich blicke mich um. 11m², sehr karg eingerichtet. Was man halt so erwartet. Mein Blick fällt wieder auf den Flachbildfernseher, der an der Wand befestigt ist. „Is fast Luxus hier“ meint er, als er meine Blicke bemerkt und verweist auf die drei anderen Stockbetten. Sie sind unbelegt. „Muss mir die Zelle mit niemandem teilen, hab ich schön meine Ruhe hier.“ Er grinst wieder und drückt seine Zigarette aus, die ich bis jetzt noch gar nicht in seiner Hand bemerkt hatte. Natürlich darf er hier rauchen. Ein paar Minuten später müssen wir uns wieder verabschieden. „Mach's gut“ sagt er und versucht ein Lächeln. Machs gut, im Sinne von, machs besser, machs nicht so wie ich. Ich drehe mich um und die schwere Eisentür von Haftraum 317 wird wieder geöffnet. Ich stehe auf dem Gang. Auf dem Weg zur Treppe komme ich an einer Zelle vorbei, dessen Tür offen steht. Zuerst will ich gar nicht hinein schauen, die fühlen sich sowieso wie im Zoo hier, denke ich, doch als ich auf den Beamten warten muss, der mich wieder nach unten begleitet, drehe ich mich kurz um und mein Blick fällt auf einen jungen Mann, der auf seinem Stuhl sitzt, während gerade seine Zelle durchsucht wird. Er lächelt zu mir herüber und winkt kurz. Ich lächle zurück. Das ist wohlmöglich der Schönste Inhaftierte auf Erden. 

7 Kommentare:

  1. "Machs gut, im Sinne von, machs besser, machs nicht so wie ich" ♥

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  2. hach ja ich liebe dich. letzter absatz ist so fucking gut

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  3. ok, dieser text macht mich unglaublich neugierig auf mehr und auf fragen wie "wie kommt es, dass du in einem gefängnis zu besuch warst?'', obwohl ich weiß, dass diese frage nicht beantwortet werden wird. trotzdem möchte ich dir kurz und knapp sagen: beim durchlesen hatte ich das gefühl eins meiner lieblingsbücher in den händen zu halten. ja, stimmt, ich übertreib gern mal, aber nicht jetzt.

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  4. ich hätte einfach nicht gedacht, dass du mir antwortest- deswegen danke, dass du die zeit + lust dazu gefunden hast :) mich würde noch was interessieren, wenn es ok ist, und zwar: was für eine art blogs interessieren dich? wenn du z.b auf einen blog eines fremden gehst, wonach oder worauf schaust du zuerst?

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