Am 22. April 2013 schrieb ich diesen Text. Ich schrieb unter anderem davon, dass ich gerne ein iPhone
hätte, einen netten Freund, Geld
um zu reisen, gute Noten, Ausbildung oder Abitur, Nagellack
von O.P.I und schönere Haare.
Die meisten dieser Wünsche, Träume
und Ziele habe ich mittlerweile, knapp dreieinhalb Jahre später,
erreicht.
Ich habe ein iPhone auf dem neuesten
Stand der Technik, mit dem ich immer Fotos zusammen mit meinem Freund
schießen kann, der mich über alles liebt und alles für mich tun
würde. Ich verdiene in meiner Ausbildung genug Geld, um mir am
Wochenende ein Busticket zu leisten, mit dem ich durch halb
Deutschland fahren kann, um mit ihm zusammen zu sein. Ich bin mit
meinen Noten in der Berufsschule mit Abstand die Jahrgangsbeste und
überlege, im nächsten Jahr mein Abitur nachzuholen. Ich hab
mittlerweile genug O.P.I Nagellack, um mir jeden einzelnen Nagel
meiner Hände und Füße in einer anderen Farbe anzumalen und seit
ich meine Haare schwarz gefärbt habe, bin ich sogar relativ
zufrieden mit ihnen, wenn ich in den Spiegel schaue.
Vor 3,5 Jahren dachte ich, ich wäre
jetzt glücklich.
Ich habe ein iPhone mit einem 2 Jahre
Knebelvertrag, um das ich bei jedem Sturz bangen muss, weil es nicht ausreichend versichert ist. Ich
sehe den Fernbusfahrer länger als meinen Freund und bin nach jedem
Wochenende platt von der kleinen Odysee zu ihm. Mein
Notendurchschnitt ist so gut, weil ich mich extrem unterfordert fühle
und Angst habe, trotz meiner hervorragenden Noten immer dümmer zu
werden, weil der Stoff so einfach ist. Ich weiß gar nicht, ob ich
mein Abitur überhaupt brauche und ob ich der richtige Typ zum
Studieren bin, während mir körperliche Arbeit doch so viel mehr
liegt. Der O.P.I Lack splittert leicht und die meisten Farben sind
auch nicht deckend genug, um die schwarzen Ränder unter meinen
Fingernägel zu übertönen, die von der teilweise 12 stündigen
Arbeit am Tag kommen. Und durch das Färben sind meine Haare trocken
und splissig geworden.
Handelt dieser Text davon, dass ich
undankbar bin? Dass der Mensch immer mehr haben will, auch wenn er
seine ursprünglichen Ziele längst erreicht hat? Sich nie mit dem
zufrieden geben kann, was er hat? Geht es darum, immer besser werden
zu wollen, größere Ziele zu erreichen, oder darf man sich auch
ausruhen, wenn man alles erreicht hat, von dem man sich je erträumen
konnte? Ich weiß es selbst nicht.
Der damalige Text, von April 2013, endete damit, dass all diese Wünsche nichts wert sind, wenn mein
größter Wunsch ist, dass Alvaro damals seinen Todestag überlebt
hätte. Und so ist es noch heute, am 02. September 2016. Jedes Mal,
wenn ich an seinem Haus, unserer Schule, oder seinen Freunden
vorbeikomme, schicke ich ein kleines Gebet in den Himmel. Bei jedem
Wunsch, den ich bei einer ausgefallenen Wimper oder einem
vierblättrigen Kleeblatt frei habe, wünsche ich mir immer das gleiche.
Dass es wieder der 24. Dezember 2012 ist. Der Tag vor seinem Tod.
Dass wir diesen Tag durchleben könnten, wieder und wieder. So oft,
bis sich irgendetwas in seinem Verlauf geändert hätte. So geändert,
dass Alvaro nie gestorben wäre.
Das ganze Jahr 2012 haben wir gespannt darauf gewartet, dass am 22. Dezember die Welt untergeht. Für mich ist sie am 25. in zwei Teile zerbrochen und ich hänge noch immer irgendwo dazwischen.
der Text ist wunderbar. So ehrlich und richtig!
AntwortenLöschendas ist drei jahre her? das ist so wahnsinn.
AntwortenLöscheney, ich fühl dich so sehr. ich hab alte tagebucheinträge die ungefähr die wünsche schreien. und jetzt sitz ich hier in der wohnung, in der ich und mein freund wohnen und wir bauen irgendwelche sachen auf. einfach seltsam irgendwie.
ich hab sau bock wieder mehr von dir lesen zu dürfen girl!
xx
Junge ich bin so verwirrt, weil ich den Text vor paar Tagen in meinen Entwürfen gefunden habe. Er bezieht sich auf einen Text von 2013, den ich 2016 geupdatet und 2018 erst veröffentlicht habe :D
Löschen